Was ist Literatur (eine sehr persönliche Einschätzung)

Durch das literarische Quartett dürfte das Konzept der Literatur wieder mehr in die Köpfe der Deutschen gelangt sein. Aber was IST Literatur eigentlich? Ich erinnere mich kaum noch an eine Definition aus meinem ein Semester dauernden Studium der Germanistik. Es ging dort aber um sehr viele Stilmittel, vom Kleistschen Schachtelsatz bis zur Metapher, welche der Autor immer „mutmaßlich absichtlich“ eingesetzt hatte, um ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Leseart beim Leser zu erzeugen. Das war alles mehr oder weniger spekulativ. Also werde ich hier einmal das tun, was ich während dieses einen Semesters niemals durfte: Ich werde sagen, was Literatur für mich ist.

Literatur ist für mich, eine ebenso intellektuelle, wie auch künstlerisch, auf Schönheit abzielende schriftliche Form des menschlichen Schaffens. Es ist, oder sollte sein, eine phantasievolle Reflektion der Realität in der sich die Wirklichkeit wiederfindet in einem gemalten Bild der Subjektivität des Schreibenden. Gemalt meine ich ganz wörtlich, weil der Autor ebenso auf den Inhalt, also die erzählte Geschichte wert legen sollte, wie auch auf die Form, die Art und Weise, wie er eine Geschichte erzählt! Er kann hierbei eine Form wählen, die einem Zeitungsartikel gleicht, bei der Spreche also nur nicht negativ auffällt, indem grammatikalische Fehlstellungen und ähnliches, was den Leser vom Inhalt ablenken könnte, vermieden wird.

Das ist jedoch nicht Literatur im engeren Sinne wie ich sie für mich verstehen möchte! Für mich geht Literatur im besten Fall weit darüber hinaus. Es wird nicht einfach eine fiktive Geschichte aus der Perspektive eines fiktiven Menschen, oder bei der Fabel einer Pflanze oder einem Tier erzählt, nein, es wird mit Worten ein Bild gemalt, das in seiner höchsten Kunstform den Inhalt nebensächlich erscheinen lässt. Es ist dann das Spiel mit Worten in einer meist metaphernreichen Form, das dem Leser alleine beim aufnehmen der Worte in seinen Geist und sein Herz, ein Gefühl der Bereicherung gibt. Ein Roman, der so geschrieben wurde bildet eine fließende Brücke zwischen Prosa und Poesie. Das Werk ist dann gleich eines wunderbaren Waldes. Überall lassen sich Blüten und knorrige Schönheit des Wuchses der Pflanzen bewundern. Es ist nicht so komprimiert, wie in einem Gedicht, welches eher einer Gartenanlage gleicht, in der die schönsten Blumen nach Blütenfarben passend zueinander arrangiert sind. Diese Gartenanlage bietet einem Stunden der ungetrübten Freude und seligen Genießen dieser Pracht. Dennoch ist man immer gewahr, dass dieses Arrangement künstlich erstellt wurde. Durch ein Werk der Prosa hingegen wandelt der Leser neugierig und achtsam, wie durch schönes Waldstück. Die Sätze sind nicht so sorgsam ausgesucht, wie in Gedichten und so läuft man behänder, wie auf weichem, federndem Moos. Dieser leichte Schritt schenkt der Seele langsam und mit jeder Seite mehr Freiheit! Hie und da hält der Leser kurz inne, wenn ein Zustand besonders gelungen bildhaft beschrieben wird, auf einer plötzlich erscheinenden sonnen beschienenen Lichtung, atmet er einmal tief ein und aus und lässt sich von der dargebotenen Schönheit ganz umfangen.

Poesie nehme ich eher wie Musik wahr. Besonders, wie klassische Musik. Poesie ist durch Versmaße bestimmt, die sie aber auch verlassen kann. Da es diese Versmaße aber gibt, wird das Verlassen desselben jedoch an sich schon zu einer Aussage. Für solcherlei Aussagen interessiere ich persönlich mich aber nicht so sehr.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe 
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, 
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille 
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille – 
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

 

ist eines meiner Lieblingsgedichte. Es tauchen Bilder von Franz Marc in mir auf, wenn ich es lese, Musik von Bach.

Es rührt mich noch heute oft zu Tränen.

Und das ist genau das, was Literatur im besten Fall für mich leisten soll. Sie soll ein starkes Gefühl erzeugen, von dem der Kopf vorerst gar nicht weiß, WARUM es da ist. Dann kann man immer mal wieder darüber reflektieren, und je nach Stimmung und persönlicher Reife immer neue Erkenntnisse für sich gewinnen, während die wohl gewählten Worte wie Honig von den Lippen tropfen und die Schönheit einen vor Ehrfurcht erstarren lässt.

Wenn ich noch mal darüber nachdenke, dann denke ich, dass ein gutes Buch, also Literatur ist wie ein Kinofilm. Die Türen schließen sich und der Leser taucht ein in eine andere Welt. In ein Subjekt, das nicht er selbst ist. Ein Leben das ein Anderes ist, in einer anderen Zeit, einem anderen Ort stattfindet. Vielleicht ist es das Leben eines jungen Mädchens, eines Kriegers, Königs, eines Helden. Ich finde es dabei auch immer wesentlich, dass der Romanheld im Laufe der Geschichte eine Reifung erfährt. Seine Persönlichkeit heran wächst indem er die Probleme, die sich ihm, in seinen auf ein erhofftes Ziel ausgelegten Weg, stellen beiseite schafft. Ich möchte gerne sehen, wie diese Arbeit seine Sicht auf die Welt und sich selbst darin verändert. Denn anders, als bei einem Gespräch muss ich mich nicht mühen empathisch zu ergründen, was mein Gegenüber mit dem Gesagten wirklich meint. In einem Buch BIN ich der Protagonist, und automatisch verbinden sich mit dem erlebten die zugehörigen Gefühle. Das kann auch manchmal erschreckend sein. Zum Beispiel, wenn die Erzählperspektive wechselt zwischen einem Heiligen und einem sadistischem Killer. Aber gerade das macht für mich das Erlebnis Lesen aus!

Poesie beschränkt sich wie beim Panther von Rilke häufig auf das Ausmalen eines bestimmten Ist-Zustandes, den man dann besonders intensiv nachempfinden kann. Jedoch nicht nur, wenn ich an Schillers „Bürgschaft“ denke, so kann Poesie durchaus auch eine Geschichte erzählen. Die Ballade scheint hierbei der Schönheit jedoch nicht so sehr verpflichtet zu sein, wie das Gedicht. Die starke und direkte Sprache Schillers kommt in der Ballade aber hervorragend zur Geltung! Eine Spreche, die, wie ich finde sich nicht sooo gut für die Beschreibung eines Moments eignet, ja, sich mehr als darin gefangen darstellt.

So kann man sagen, dass gute Literatur ein Schriftstück ist, bei dem der Autor sich gänzlich selbst gefunden hat (falls so etwas jemals möglich ist) und bei dem der Inhalt mit der Form ansprechend korrespondiert. Wenn das Werk also als Ganzes eine Einheit darstellt.

Abschließend kann ich sagen, dass für mich das Literatur im Idealzustand ist. Die künstlerische Darstellung einer Einheit von Persönlichkeit, perfekter Beherrschung des Handwerks der Sprache und einer interessanten Geschichte.

In der Art, wie Franz Marc seine Blauen Pferde malte. Er skizzierte zuerst bis zur Besinnungslosigkeit Pferdekörper, bis er es beherrschte den Körper mit nur wenigen Strichen erkennbar wiederzugeben. Nun konnte er den Pferden Seele einhauchen, indem er ihnen seine eigenen Stimmungen zueigen machte. Das Resultat ist, wie wir alle wissen, atemberaubend! So muss es auch bei guter Literatur sein. Für mich im Moment das beste Beispiel „Die Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón. Ein Buch, das mir zuerst wie warme Sonnenstrahlen beim Lesen ein Lächeln ins Gesicht zauberte und hernach meinen Geist anregte, zu überlegen, was dieses Lächeln in sich darstellte. Perfekt!

Was ist Literatur für Euch?