Lebensenergie

Sie lag im sprießenden Gras des Wonnemonats Mai, schloss ihre Augen und sog den betörenden Duft der Blüten und den grünen Geruch des jungen Grases ein. Nach diesem Tiefen Atemzug, der auf sie wie eine wunderbare Vorspeise zum Menü des Lebens wirkte, öffnete sie die Augen und bewunderte das sanfte Spiel der Schäfchenwolken, die sich zwischen dünnen, länglichen Wolkengebilden, die sich bald in Dunst auflösten, leicht dahin bewegten. Sie rannte einige Kilometer über die Wiese, wie ein junges Fohlen, das die Kraft des Lebens im Überfluss spürte. Sie fühlte sich nun satt und zufrieden und schwer atmend, da sie diesem Bewegungsdrang in seiner ursprünglichsten Form bereitwillig nachgegeben hatte. Ja, Vorspeisen stachelten den Hunger eben erst richtig an!

Im Frühjahr musste man nicht im Gras liegen um sein anregendes Wesen zu erfahren. Kaum verlies man das Haus, wurde man quasi überwältigt vom ansteckenden Ansturm des Lebens auf die Sinne. Das ging augenscheinlich allen Lebewesen so, denn die Luft war nicht nur von Düften erfüllt, sondern auch von den überbordenden Gesängen der Vögel. Es war ein Crescendo der Lebenslust, das man vor Freude fast trunken werden konnte.

Ja, der Frühling war jedes Jahr immer wieder ein herrliches Fest. Als wöllte jede im Winter vertrocknete und erfrorene Pflanze mit ihrem jetzt sprießenden Grün dem Tod ein dickes „Trotzdem“ entgegenschmettern, jeder Vogel, der überlebt hatte die Welt neu Bevölkern indem er ein Nest baute und einen Partner für die Eiablage fand. Das Leben trotzte dem Tod. Es würde für die nächsten Monate die Oberhand behalten! Dieser Siegestaumel war mit jeder einzelnen Zelle fühlbar. Nur der Mensch konnte sich diesem Diktat der Natur entziehen, wenn er wollte und sich anstrengte. Er konnte Trübsal blasen in diesen Tagen des Lebens, aber er konnte auch im Winter, wenn alles in Agonie zu liegen schien mit der Kraft seines Geistes und seines Herzens den Tod zurück zwingen und das Leben zelebrieren. Er konnte mit den Liebsten unterm Weihnachtsbaum sitzen und Bratäpfel in den Ofen schieben, oder er konnte sich auf etwas besinnen, was seinem Leben auf andere Weise Sinn zu verleihen vermochte. Wenn ihm dies gelang, so konnte er die Energie des Frühlings auch am dunkelsten Wintertag spüren. Er konnte innerlich frohlocken und diese Lebensenergie auf andere Menschen übertragen.

Das war die Macht des Geistes! Er konnte fast unabhängig von den Umständen einen Frühlingstag in sich selbst erzeugen. Es konnte zu einer Art Lebenseinstellung werden. Aber nur mit viel Arbeit! Die Energie, die in einem solchen Menschen floss durfte nicht zu lange unproduktiv nur genossen werden. Man durfte sich nicht zu lange ins Gras des Geistes legen und die Energie nur genießen. Dann wurde sie schal!

Woher sie das wusste?

Nun sie wusste das, weil sie schon einige Male diese Energie gespürt hatte. Die Energie, wenn sie gemeinsam mit einem anderen Menschen an etwas ihr wichtigem arbeitete, wenn sie mit ihrem Partner Liebe machte, oder ganz simpel, wenn sie freudig durch die Gegend sprang, die Lebensenergie also ganz unmittelbar durch sich strömen lies.

Einmal, an einem ungewöhnlich warmen und sonnigen Januartag kannte sie mal wieder kein Halten  mehr und rannte wie ein Kind über die noch dürre Wiese am Rheinufer, während ein Freund und ihr Partner erwachsen hinter ihr herspazierten. Mit glühenden Wangen rannte sie zu ihnen und wieder fort, gleich einem vor Energie strotzendem Hündchen. Da kam der Freund ihr kurz ganz nahe. Sie kannten sich schon seit der Schule und raunte ihr im Spaß zu: „Hier über uns hängt ein Mistelzweig, Du musst mich jetzt küssen“

Sie lachte nur und schüttelte den Kopf um ihre Verwirrung zu verbergen, die sie empfand. Sie wusste, dass es nur Spaß war, ihr eigener Partner stand dabei, aber sie empfand eine unerklärliche Nähe zu diesem Freund. Eine Nähe, die sie damals mit Liebe verwechselte. Doch sie wusste damals ebenfalls, dass dies nur in ihrem Kopf stattfand. Dennoch lies sie dieses Gefühl lange nicht mehr los. Als wäre ein wertvoller Samen auf einen trockenen Boden gefallen und sie dürfte ihn nicht gießen, niemals!

Nun fast 20 Jahre später erkannte sie, was damals vorgefallen war und sie begann den Samen zu gießen, denn sie wusste nun, dass es nichts mit Liebe zu tun gehabt hatte. Es war das erspüren der Lebensenergie. Dafür hatte sie damals nur noch einen Katalysator in Form ihres Freundes gebraucht. Wahrscheinlich, weil Liebe ihre Droge war. Deshalb war es ihr nur möglich den Fluss der Energie des Lebens über einen anderen Menschen zu spüren. Und ja, es ist wahr! Noch heute fühlte sie das Leben am deutlichsten, wenn sie diese Augenblicke mit jemandem teilen konnte. Doch es war keine Liebe zu den Menschen, mit dem sie diese Momente erlebte. Zumindest kein verliebt sein. Es war eher die Liebe zum Leben, zum Gefühl des am Leben seins. Sie spürte dieses Gefühl auch alleine, aber wirklich berauschend wurde es nur in Gegenwart eines Nächsten.

Dennoch schrie ihr Verstand sie geradezu an, dass sie diese behagliche Wärme des Kissens der Gemeinschaft nicht ausnutzen durfte und sich lieber auf den harten, steinigen Weg nach dem Alaska des selbst erarbeiteten machen sollte.

Widerstrebend gab sie diesem Geheiß nach und setzte sich an den Mac zum Schreiben. Schreiben war ein merkwürdiges Ding.

Egal, ob es gut oder schlecht war, was sich ihrem Hirn über ihre Finger entwand, egal, ob sie eine Geschichte bis zum Ende gedacht hatte, ehe sie sich hinsetzte um sie niederzuschreiben, die Geschichte wirkte ihr immer lebendig und hielt sich oftmals nicht an das, was sie sich ausgedacht hatte. Ja, schreiben war auch eine Möglichkeit das Leben zu spüren! Auch wenn der Körper ganz ruhig auf einen Schemel saß war es ihr Geist, der Sprünge machte. Als gäbe es auf der Welt unendlich viele Geschichten, gute und schlechte, die darauf warteten, dass jemand sie niederschrieb. Es war also nicht ihr Leben, das sie spürte. Es war das Leben der Geschichten, die endlich geboren wurden, das sie dabei spürte. Es mochte bei allen Dingen so sein. Es brauchte daher keinen Nächsten, um es in seiner ganzen Fülle zu spüren. Wer etwas Kreatives tat, der war Teil des Universums, weil er Teile davon gebar. Und wenn man dabei angst- und erwartungsfrei war, so konnte man dies auch bestmöglich tun. Das heißt, eine Geschichte, eine Idee konnte das Hirn durchströmen und zu Papier gebracht werden. Übung verfeinerte nur das neuronale Netz des Gehirns, so dass die Geschichte, das Werk in all seinen Nuancen ausgebreitet werden konnte. Sie glaubte, dass der Mensch diese filigrane Ausarbeitung als Schönheit empfand. Und diese Übung, die so wesentlich war, die war manchmal Alaska. Denn wenn man noch gar keine hatte, so wurde eine Geschichte nur Bruchstückhaft sichtbar, und der Schreiber fühlte das Leben der Geschichte nicht. Und so schrieb sie an manchen Tag und fühlte nichts. Die Worte tropften schwer wie Blei aus ihren Fingern und gaben auf dem Display hässliche Flecken, die sich auch nach xfachen Lesen nicht zu einem schöneren Bild formen ließen, als eben diesen Flecken. Durch diese schriftstellerischen Täler musste sie wacker und vor allem diszipliniert schreiten, in dem Wissen, dass jedem Tal auch wieder eine Erhöhung folgt. Es war sicher bei allen künstlerischen Dingen so. Die ersten Striche eines Geigers, sie klangen grässlich. Und das blieb über Jahre im Wesentlichen so. Warum sollte es beim Schreiben anders sein?

Sie beschloss, die schrägen Töne oder fleckigen Bilder, die sie erzeugte mit dem Wohlwollen einer Mutter anzusehen und nicht müde zu werden, immer weiter zu schreiben.

Es war wie beim Laufen, da entzückte sie sich auch leichter am Sprint, anstatt die Arbeit des Konditionsaufbaus zu leisten um sich danach stolz an den Endorphinen eines Marathons zu erfreuen. So hatte sie schon etliche kleine Geschichte geschrieben, aber immer nur, wenn ihr danach war. Nun würde sie diszipliniert jede Woche 3 Seiten schreiben.