Shitstorm als Befreiung

Es gab ja vor kurzem die Geschichte von einem Menschen mit Behinderung, der von seiner Bank, der HASPA über seine Hilfsperson ausgerichtet bekam, er solle nicht mehr alleine in die Bank kommen, weil sie die Mitarbeiter vor ihm ekeln würden.

Als ich das gelesen habe, da hat es mir sehr weh getan. Wie gedemütigt und abgelehnt musste sich dieser Mensch fühlen? Ich weiß, wie schwer es manchmal sein kann als behinderter Mensch am „normalen“ Leben teil zu nehmen. Was für gesunde Menschen  ein Klacks ist, das braucht oft einige Vorbereitung, das ist eventuell auch mit Ängsten verbunden, was geschehen kann, wenn man nach draußen geht. Welche Reaktionen wird das Erscheinen mit dem Stigma hervor rufen?

Und dann bekommt man eine solche Aussage zugetragen. Das muss schrecklich sein!

Da tut es sicher unendlich gut, wenn Twitter uni sono dieses Verhalten verurteilt.

Was geschieht systematisch? Es ist quasi die Umverteilung der Machtverhältnisse. Die Macht und zwar alle Macht lag bei der Angestellten, die sich so enttäuschend äußerte. Sie war ich der Lage, den unerwünschten Kunden vor dem Eintritt in die Bank erst einmal abzuhalten. Ihn gänzlich auszugrenzen.

Doch nachdem auf Twitter die Empörung über dieses Verhalten sich Bahn brach, da stand auf einmal der gute Ruf der Bank und damit der Arbeitsplatz der Angestellten auf dem Spiel. Sie hatte sich ausgegrenzt!

Ich musste sofort an einen Text von Viktor Frankl denken, den ich in meiner Ausbildung zur Logotherapie vorlesen durfte.

Frankl war Jude und war in 5 KZs während die Nazizeit andauerte. Er verlor seine Eltern und seine Frau in diesen Höllenlagern. Und dennoch erhob er die Stimme  in Wien und sagte der überlebenden jüdischen Bevölkerung, dass es kein Tätervolk gebe, dass nicht alle Deutschen schlecht seinen und dass sie den Hass nicht weiter tragen dürften. Er wurde nach dieser Ansprache von den jüdischen Menschen aus ihrem Kreis ausgestoßen und ich glaube nicht einmal sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof…

Ich verstehe das natürlich. Der Schmerz und die Trauer und der Hass auf die Täter war einfach zu groß. Dennoch finde ich dieses Verhalten von Frankl so unglaublich groß. Während ich seine Rede vorlas musste ich mit den Tränen kämpfen. Nur ein Opfer dieses Regimes durfte so etwas sagen. Und ich war ihm so dankbar dafür, dass er das getan hat. Gleichzeitig fühlte ich die Schuld umso stärker.

 

Ich denke, dass in dem Fall des behinderten Menschen nur er alleine nun die Macht und die Berechtigung hat, mit der Angestellten ein versöhnliches Wort zu sprechen. Ich denke auch, dass er dies nun kann, weil Twitter ihm die Macht verliehen hat dies zu tun und der Schmerz darüber vielleicht so weit nachgelassen  hat, dass er diese Frau als fehlerhaften Menschen sehen kann, dem man die Hand reicht. Des Weiteren denke ich, dass er die Macht hat nicht nur dieser Frau versöhnlich entgegen zu treten, sondern auch ihren Horizont sowie ihre Einstellung zu Behinderten zu beeinflussen. Er kann ihr sagen, wie er sich gefühlt hat. Vielleicht sagt sie ihm dann, wie sie sich fühlte, als sie zu spüren bekam, wie ihr Verhalten die Massen gegen sie aufbrachte. Sie trinken zusammen einen Kaffee und die Frau wird sich in Zukunft besser in Menschen mit Handicap einfühlen können anstatt Behinderte zu hassen, weil einer ihr den Job gekostet hat und ihr Häme einbrachte. Denn so würde sie es sehen! Sie würde ihre Abneigung wohl in Zukunft nicht mehr so direkt kommunizieren, doch es gibt immer Mittel und Wege seiner Antipathie Ausdruck zu verleihen.

Wenn Du die Macht hast, dann wird die Welt sehen, wes Geistes Kind Du bist. Ob Du zu oft ausgeliefert warst und deshalb der Hass und die Vergeltung im Vordergrund steht, oder ob Du so weit verheilt bist, dass Du den Gesamtzusammenhang siehst und versuchst die Welt dort ein Stückchen besser zu machen!