Eine Etüde

Frisches Grün spross aus der fahl-braunen Erde. Der Frühling wogte mit Macht und Freude über das Land. Wie die Gischt des Meeres erschuf er überall, wo sein wärmerer Hauch die Erde berührte kleine Flecken weißer Blüten. Die Schneeglöckchen und Märzenbecher, als erste Blumen des Jahres wagten ihr Köpfchen der langsam spürbar werdenden Sonne des Morgens entgegen zu strecken. Begleitet von den Reviermarkierungsgesängen der Vögel. Nach dem harten Winter dieses Jahr war er Mensch und Tier willkommener Träger von Lebensenergie. Der Morgenhimmel enthüllte in den ersten Sonnenstrahlen ein freundliches Blau.

Es war 8 Uhr. Arbeitsbeginn in der Tagesklinik der Neurologie Stuttgart. Den  grau gestrichenen Räumlichkeiten konnte der beginnende Frühlingstag kaum etwas anhaben. Obwohl der Warteraum der Patienten viele Fenster hatte, waren die Gesichter, der dort um kleine Tische auf grauen Plastikstühlen sitzenden Menschen meist von Furcht und Gram gezeichnet. Einige versteckten sich hinter einer Tageszeitung, andere unterhielten sich. Meist über den Grund ihres Hierseins. So begannen sich um die Tische Grüppchen von an der selben Krankheit leidenden zu bilden.

Der überwiegende Teil der rund 12 Menschen im Raum war wegen einer MS-Behandlung hier. Eine Gruppe älterer Menschen hatten Lupus. Einige, denen man noch keine Behinderung ansah und die noch voll im Leben zu stehen schienen, wenn man ihre häufigen Handy-Telefonate mit anhörte, bei dem es um das Delegieren von Aufgaben ging enthielten sich einer Aussage. Es schien, als wollten sie nicht zu diesem Haufen chronisch Erkrankter gehören.

Ich saß an meinem MS-Tischchen und hatte dafür vollstes Verständnis! Es kam mir oft vor wie das Drehen im kleinsten Kreis. Den Kreis des eigenen Eingeschränkt seins. Die anderen MSler fühlten sich „vom Leben ausgeschlossen“ oder nannten ihre Krankheit den „langsamen Tod“.

Ich kannte diese Gefühle nur zu gut. Häufig haderte ich mit meinem Schicksal. Meine Freunde, von denen ich nicht mehr sehr viele hatte, bekamen Kinder, machten Weltreisen, oder arbeiteten in einem Beruf, der sie erfüllte. Ich hatte nichts davon und kam mir vor wie ein Versager. Seit ich 23 Jahre alt war hatte ich die Diagnose MS. Die Jahre davor waren gekennzeichnet von chronischen Bauchschmerzen, deren Ursache man nie gefunden hatte und die man letztlich auch auf die MS schob. Aber die Gedanken an vergangenes Ungemach war ungefähr so nützlich, wie der Gedanken an die Dinge, die ich wegen meiner Behinderungen nicht mehr tun konnte, oder der Sorge wo das alles wohl enden würde. So sehr ich die Gesellschaft von Menschen schätzte, denen ich nicht zu erklären brauchte, warum ich alle Stunde auf die Toilette musste, oder warum mein Gang so wacklig wie der eines Betrunkenen war, so sehr belastete mich die Konzentration auf die Dinge, die nicht mehr funktionierten, die im Wartesaal vorherrschte. Eine Schwester kam während dieser Überlegungen ins Zimmer und rief meinen Namen auf. Ich musste zur Blutentnahme, Fieber messen und Pulskontrolle. Ich raffte mich auf um den kurzen Weg dort hin anzutreten. Ich liebte die Schwestern und Ärzte hier in der Tagesklinik. Sie waren stets gut gelaunt und unaufdringlich hilfsbereit. Das war eine wahrhaft seltene Kunst, wie ich fand, die ich sonst noch nirgends erleben durfte. Entweder ignorierten die Menschen meine Einschränkungen, oder sie ließen mich gar nichts mehr alleine tun. Ich wusste, dass es an mir war, die Situation zu ändern, aber bislang konnte ich es nicht. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mir möglichst nichts anmerken zu lassen. Frau Schwarz, meine allerliebste Schwester hatte mich gerufen, wie meistens. Ihr sonniges, einfaches Wesen verlangte mir sowohl Respekt, als auch tiefe Dankbarkeit sowie ein Höchstmaß an eigener Disziplin ab. Ich wollte diesem Wesen auf keinen Fall durch eigenes Gejammer Schaden zufügen! Wahrscheinlich war dies ein Großteil des Placebos, den solche Mitarbeiter der Klinik den Patienten schenkten. Ich fand, dass ich es ihr lohnen müsste durch einen mutigen, fröhlichen Optimismus, weil diese wunderbaren Menschen es ja leider nicht monetär entlohnt bekamen!

So ließ ich mir denn mit einem Lächeln in der Armbeuge herumstupfen. Kein Blut wollte fließen. „Die Vene rollt immer weg! Sie mag wohl nicht mehr“ bemerkte Frau Schwarz mit einem heiteren Lachen. „Wir probieren es mal am anderen Arm, ja?“

„Ich roll mich auch gleich weg, wenn das was hilft“ erwiderte ich lächelnd.

Smalltalk war mir leider nicht in die Wiege gelegt worden.

 

Der linke Arm gab tatsächlich noch genügend Blut her und nachdem ich das Fieberthermometer wieder ausgespuckt hatte durfte ich zurück in den Warteraum.

Jedes Mal fand ich dort auch die Muße, die Einstellung zu meiner Krankheit zu überdenken. Ich machte zuerst eine Bestandsaufnahme meines Körperlichen Zustands: Laufstrecke, die ich ohne Stöcke oder Rollator noch gehen konnte, ohne auszuruhen: 200m. Menge des Urins, die ich halten konnte: ca.200ml, Stuhlgang jeden 2. Tag. Das war besser geworden. Letzten Monat hatte ich nur einmal die Woche gekonnt. Sensibilität der Gliedmaßen: Finger an rechter Hand taub. Schreiben sehr schwierig. Linke Hand in Sensibilität und Koordination noch etwas besser. Füße beide leicht taub. Meine Augen schielten seit dem letzten Schub etwas. Das gab sich aber meist schnell wieder. War daher keiner Erwähnung wert.

Manchmal war es mir dennoch, als könnte ich die totale Bettlägrigkeit schon spüren. Ich verdrängte diesen nicht hilfreichen, ja deprimierenden Gedanken schnell wieder. Genau darum ging es ja! Bei jedem Menschen. Das einzig reale war der Augenblick. Das hätte ich der Frau um die 40, die noch wesentlich fitter war, als ich selbst gerne ins Gesicht geschrien, als diese den Spruch mit dem langsamen Tod brachte. Aber wahrscheinlich hätte ich ihr damit nur Ungerecht getan. Ich erinnerte mich noch an Tage, als ich noch fast keine Behinderungen gehabt hatte. Es war die Perspektive. Man sah die Dinge noch mit den Augen eines Gesunden. Wollte es nicht wahr haben. Verglich sich ständig mit Unversehrten. Ich habe aufgehört mich zu vergleichen. Konzentrierte mich auf das, was unter den gegebenen Umständen noch einen echten Unterschied in meinem Leben bewirken konnte, wenn ich es tat. Nach draußen gehen zum Beispiel, ohne Angst mich zu blamieren, indem ich mir in die Hose mache. Mein Leben war genug Einschränkungen unterworfen! Angst mich zu blamieren konnte ich mir schlichtweg nicht leisten! Ein Ziel zu haben, dem ich mich nähern konnte, so lange wie möglich. Nachdem ich nicht mehr Kraft genug hatte komplizierte Gerichte zu kochen war es das Erlernen der Schreibkunst. Ich wollte kein Buch veröffentlichen, das wäre der Fokus auf das falsche Ziel! Ich wollte nur einfach für mich etwas schreiben und damit einmal zu hundert Prozent zufrieden sein. Es schien mir ein guter Vorsatz zu sein. Denn Schreiben würde ich auch noch mit allen möglichen mehr Einschränkungen können. Ich will mich nicht mehr dem Verlust einer lebensspendenden Leidenschaft stellen. Nach meinem letzten größeren Schub, vor ein paar Monaten, da musste ich mich vom Kochen verabschieden. Wie hatte ich es geliebt, die verschiedenen Geschmackswelten kennen zu lernen. Es war, als könnte ich die Welt, die sich mir immer mehr verschloss nun mit meinen Geschmacksknospen erkunden. Es hatte mehrere Monate gebraucht mich vom Verlust dieser Möglichkeit zu erholen. Es war wie die Antriebsfeder, das Licht des Lebens zu verlieren. Und dann war da nur noch das große schwarze Loch und die Trauer. Das Lesen eines wunderschönen Buches eröffnete mir letzten Sommer eine neue Welt der Schönheit und der kreativen Beschäftigung.

Die Disziplin, die das Erlernen eines neuen Gebietes erforderte fiel und fällt mir hier jedoch schwerer. Wahrscheinlich, weil die Erfolgserlebnisse nicht so direkt spürbar und vorführbar waren, wie es beim Kochen gewesen waren.

Das bekräftigte meine Meinung, dass der Blick auf das Ergebnis der Arbeit viele schwerwiegende Tücken hatte.

Vielleicht werde ich das Geschriebene hier auch in mein Blog schreiben. Vielleicht hilft es anderen, die in einer schweren Situation stecken selbst durch eine Einstellungsänderung zur Lösung eines inneren gordischen Knotens zu kommen. Denn ich weiß aus Erfahrung, dass jeder von uns sein Päckchen zu tragen hat und ich will mich nicht mehr verstecken!

Solche Gedanken verfolgten mich, und so war es denn an der Zeit für die Infusion des Medikaments.

Dieses half mir, eine harte Krankheitsphase zu überwinden. Diese Hilfe wird mir hier einfach zuteil! Was für ein Glück. Es scheint wirklich so, dass der Tod nur in jedem von uns ist. Nicht in diesem Raum! Ich kann mich selbst entscheiden, entweder mein Leben als jammerndes Häufchen zu beende, was wahrscheinlich schneller geht, oder mein Augenmerk auf die Dinge zu lenken, die ich tun kann. Die sinnvollen Dinge, die in meinem Leben einen Unterschied machen. Nicht nur Steve Jobs kann sein Leben bis zum letzten Tag leben, weil er schon so viel geleistet hat. Nein, auch ich, der ich noch nie etwas vollbracht habe kann beginnen mein Leben zu leben, in jeder Situation. Dafür ist es nie zu spät. Niemals! Auch wenn ich kein Apple-Chef mehr werde!