das Selbst

Das Gebäude selbst wirkt etwas dunkel.. Weite Flure, die breit und geräumig aber eigentlich ganz heimelig sind. Es ist mein Haus. Ich wohne dort ganz alleine. Meine Burg. Selbst wenn ich es gewollt hätte, kein anderes Lebewesen könnte darin existieren.. Ich befinde mich mal wieder im untersten Stock. Dort ist es am geborgensten. Alles kleine Zimmer, die wie Blütendolden an beiden Seiten des Ganges hängen. Die Räume haben Fenster wie Schießscharten, durch die nur das nötigste Licht scheint. Das ist ein bisschen schade, denn ich mag Licht! So etwas wie eine eigene Beleuchtung gibt es hier nicht, so kann man hier unten gerade genug erkennen, um den ganzen Krims Krams wahrzunehmen, der die Räume erfüllt. Mir ist gar nicht so recht klar, wann ich mir den zugelegt habe. Ich habe eigentlich den Eindruck, er war immer schon da. Dennoch entdecke ich immer wieder neue Gegenstände. Es scheint immer wieder etwas hinzuzukommen. Das Zimmer, in dem ich mich im Moment befinde, wirkt wie die anderen unten auch, fast ein wenig überladen. Viele Bilder an der Wand und eine Menge Spielsachen, die ungenutzt auf dem Boden verteilt herumliegen. Es sind so viele, dass ich den Fußboden noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Und dann die vielen Möbel. Als hätte ich hier jemals Besuch. So sieht es eigentlich immer unordentlich aus, obwohl ich ständig am rumräumen bin.

Es gibt in dieser Etage auch eine Küche. Sie ist sehr großzügig ausgestattet. Leider fehlt auch hier ein wenig das Licht. Es ist eben ein Zimmer im Erdgeschoss. Da sind die Fenster alle ein wenig klein geraten. Wohl aus Angst vor Einbrechern.

Man kann sich aber alles zubereiten, was man möchte. Leider habe ich keinen Appetit mehr. Trotzdem habe ich gleichzeitig das Gefühl zu verhungern.

Im ersten Stock sind die Fenster schon größer gehalten. Und auch die Zimmer sind geräumiger. Viele dieser Zimmer können allerdings noch nicht geöffnet werden, da der passende Schlüssel fehlt. Daher ist der Gang noch sehr viel dunkler als unten. Er erhält ja seine Helligkeit einzig durch die geöffneten Zimmertüren, da er selbst keine direkte Verbindung zur Außenwelt hat. Ich weiß auch nicht…Im unteren Geschoss haben die Türen keine Schlösser. Das macht es einfach. Deshalb bin ich auch noch meistens dort. Eigentlich wäre ich aber lieber weiter oben im Haus, weil ich unten langsam zu ersticken drohe. Aber die Dunkelheit macht mir Angst! Deshalb weiß ich gar nicht wie viele Stockwerke mein Haus eigentlich hat. Manchmal höre ich im Schlaf den Wind durch die Balken heulen. Dann träume ich von der Endlichkeit der Stockwerke, an deren Ende nur noch Licht ist. Allerdings wüsste ich dann nicht, wo ich meine Couch hinstellen sollte.

Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, ich brauche einen neuen Schlüssel für meinen Schlüsselbund. Ich liebe meine Schlüssel! Sie sind alle was ganz Besonderes. Sie leuchten in allen Farben und vertreiben so ein wenig die Dunkelheit in meinem Gemüt. Sie erleichtern die Einsamkeit hier im Haus. Ich habe mit ihnen schon in allen Schlössern im zweiten Stock herumgefummelt. Keine Türe lässt sich mehr öffnen. Daher wäre es schön, einen neuen holen zu dürfen. Ich weiß schon, wo ich theoretisch einen neuen herbekomme. Dazu muss ich mein Haus verlassen. Meine Gedankenbilder und mein Ideenspielzeug. Alles muss ich hier zurücklassen. Draußen, vor meinem Haus in meinem Garten liegt etwas Großes. Ich kann es schwer beschreiben. Etwas, das auch ich bin. Aber nicht so richtig. Es ist ein riesiger Kristall, der wohl aus der Sonne heraus direkt im meinen Vorgarten gefallen ist. Ich kann es nicht anschauen, ich kann es nur spüren. Es ist warm und voller Energie. Wie die Sonne eben. Vielleicht kehrt er auch eines Tages dorthin zurück. Die Sonne. Die geht hier nie unter. Sie scheint immer. Ich kann da nicht hinein sehen. Deshalb mache ich immer die Augen zu, wenn ich das Haus verlasse. Meine Augen. Sie sind so sehr an mein dunkles Haus gewöhnt. Sie würden erblinden. Deshalb bin ich froh, dass ich mein Haus habe. Außerdem könnten meine Bilder Flecken bekommen, wenn ich sie einfach so mit mir herum trüge. Wenn sie einfach hier im Gras liegen würden. In der Sonne würden ihre Farben bestimmt verblassen. Da bin ich sicher. Und wo bliebe dann ich? Meine Einzigartigkeit?

Es gibt aber noch eine Hürde für das erlangen eines Schlüssels. Es ist immer ein Stück aus diesem großen, schillernden Gebilde, das in meinem Garten liegt, aus dem ich den Schlüssel hole. Doch ich kann das nicht jederzeit tun. Der Stein muss mich dazu einladen. Muss seine diamantene Härte verlieren. Es ist schon ein beeindruckender Stein. Manchmal glaube ich, er war vor dem Garten und dem Haus da. Ich frage mich dann, ob er das alles erschaffen hat. Ich kann seine Kraft spüren. Sein unglaubliches schöpferisches Potential. Dann muss wohl jeder Mensch, ja sogar jedes Ding einen solchen Stein in seinem Garten haben. Das würde dann auch zu meinen Beobachtungen passen, weil ich es aus allen Richtungen leuchten sehe. Was außerhalb meines Grundstücks wirklich ist, kann ich nur erahnen, denn da ist diese Mauer. Dennoch merke ich, dass sich mein kleines Fleckchen hier immerfort bewegt. Das sehe ich daran, dass immer wieder andere Farben über meine Mauer strahlen. Wundervolles Blau und Gelb und Orange. Über meiner Mauer bilden sich dann immer Regenbögen, wenn die Farben von Außerhalb mit meinem Stein zusammen leuchten. Meinen Stein verändert das aber nicht, soweit ich das aus meinen Milchglasfenstern im Haus beurteilen kann. Mein Stein ist eher grünlich. So ein Tannengrün ist das. Obwohl er auch andere Farben beinhaltet. Manchmal sehe ich da einen Zusammenhang, zu dem grünen Teppich in meinen Fluren, Aber das ist wohl zu weit hergeholt.

Im Moment stehe ich am Fenster in der Küche und sehe durch das Milchglas nach draußen. Da passiert es wieder. Ich kann nicht sagen wieso es geschieht. Ein gebündelter Leuchtstrahl von hinter der Mauer trifft meinen Stein. Das merke ich hier im Haus sofort. Die ganze Stimmung im Haus verändert sich. Alles erscheint in einem neuen Licht. Aus dem grünlichen Schimmer entsteht beim Auftreffen des Anderen etwas Neues. Daher kommen dann auch die anderen Farben, die mein Stein beinhaltet. Es scheint, als wäre der Stein jetzt erst richtig am Leben. Das macht mich ganz unruhig. Jetzt bin ich auf einmal hellwach. Ich bin ein Löwe. Ich habe keine Angst mein Haus zu verlassen. So sehr treibt mich die Neugier und die Sehnsucht. Jetzt aber eile ich, der Löwe zu meinem Stein. Zeit ist so kostbar. Das Licht schadet mir nicht, auch wenn ich in dem Moment vergessen habe, was das ist. Ich spüre nur noch die Wärme auf meinem Pelz und schnurre. Ich schmiege mich an den pulsierenden Stein. Ganz fest, an der Stelle, an der ihn das Andere berührt. Das Schnurren in mir wird dann so laut, dass alles in mir vibriert. So sehr, dass ich mich völlig auflöse. Auf einmal bin ich in diesem Stein. Ich bin eins mit dem Teil, der durch das andere so weich geworden ist, dass ich eindringen konnte.. Es gibt „mich“ dann eigentlich nicht mehr so richtig. Ich bin verschmolzen mit etwas oder jemandem. Die ganze Einsamkeit im Haus ist fort. Ich bin dann nicht mehr hungrig, wohl auch, weil mein menschlicher Körper im Vorgarten liegt und schläft. Es ist die pure Freude. Das wahre Spiel. Das Spiel mit dem Licht. Es hat so viel davon hier drin in diesem Stein. Manchmal wünschte ich, ich könnte für immer in ihm bleiben. Aber was würde dann aus meinem schönen Haus?

Außerdem ist der Stein, so wie er jetzt ist nicht lange so weich und nachgiebig. Wenn das Andere weiter wandert im Fluss der Zeit, dann ist es vorbei. Dann spuckt mich der Stein wieder zurück in meinen Menschenkörper. Dem tun dann schnell die Augen weh, und er muss wieder zurück ins Haus. Aber das Andere und mein Aufenthalt in ihm haben das Gebilde, das meinen Vorgarten dominiert verändert. Unwiderruflich!. Außerdem wird bei der Verschmelzung viel Energie frei. Ein Teil davon hat sich dann in einer Art Schlüssel manifestiert. Den darf ich mitnehmen. Damit kann ich dann neue Zimmer öffnen. Vielleicht sogar eine Tür zu einem Raum mit einer Treppe zum nächst höheren Stockwerk. Das wäre toll, denn die Flure haben keine Stufen. Der schöne blaue Schlüssel, den ich diesmal bekommen hab gewährt mir bestimmt zu vielen Räumlichkeiten Einlass. Er ist wunderschön und strahlt so frisch und unverbraucht. Ich werde ihn gut aufbewahren. Jetzt muss ich mich aber beeilen um die dunklen Flure zu erhellen, solange der Löwe noch in mir ist. Er lässt die Angst schmelzen wie die sprichwörtliche Butter in der Sonne. Er verändert mich.

Ich stecke den Schlüssel in eine Türe, die mich schon lange interessiert. Über ihr steht in Stein gemeißelt das Wort „Akademie“. Mein Atem stockt. Der Schlüssel passt. Ich drehe ihn herum, und trete in einen Raum, der mich an eine Kirche erinnert. Das habe ich nicht erwartet. Direkt an der gegenüberliegenden Wand hängt neben dem großen Fenster ein riesiges Holzkreuz. Ein Taufbecken steht in der Mitte des Raumes. An den beiden schmalen Wänden des Raumes zur meiner linken und zur rechten hängt jeweils ein Bild von einer Wolke. Davor stehen Betschemel. Die weißen Dielen sind bedeckt von Ähren. Dennoch verleihen sie dem Raum mehr Helligkeit, als er eigentlich besitzt. In der rechten Ecke neben dem Fenster sehe ich einen Treppenabsatz. Ich bin ein Glückspilz!

Die Neugier zwingt mich jedoch weiter zu gehen um zu versuchen noch andere Türen zu öffnen. Außerdem ist Treppensteigen ja auch sehr anstrengend und ich will es hier unten endlich mal heller haben. Da müsste ich schon etwas finden, das hier meine Aufmerksamkeit erregt, um danach in höheren Etagen weiter zu suchen.

Die nächst Türe, die sich öffnen lässt trägt keinen Namen. Der Raum, den sie verschloss ist aber riesig. An der Wand gegenüber hängt eine riesige Uhr. Im Mittelpunkt des Raumes steht ein beeindruckendes Karussell. Lauter funkelnde Diamanten von der Größe eines menschlichen Kopfes bewegen sich darauf im Kreis. Rund herum sind Spiegel aufgestellt. Sie reflektieren das Licht, das die Diamanten auf sie werfen an die Decke, wie eine Discokugel.

Auf dem blauen Teppichboden befindet sich weiter nichts. An der Wand sind viele Bilder. Die allesamt Hauser mit vielen Türmen mit Glaskuppeln darstellen. Ich will den Raum schon wieder verlassen, da erweckt ein kleines postkartengroßes Gemälde meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen Mensch von hinten, der in einen Spiegel sieht. Doch der Spiegel zeigt nur den Garten hinter der Person und nicht die Person selbst. Wie ein Vampir denke ich noch, als ich meinen eigenen Vorgarten erkenne….