Was ist Literatur (eine sehr persönliche Einschätzung)

07. Januar 2012

Durch das literarische Quartett dürfte das Konzept der Literatur wieder mehr in die Köpfe der Deutschen gelangt sein. Aber was IST Literatur eigentlich? Ich erinnere mich kaum noch an eine Definition aus meinem ein Semester dauernden Studium der Germanistik. Es ging dort aber um sehr viele Stilmittel, vom Kleistschen Schachtelsatz bis zur Metapher, welche der Autor immer „mutmaßlich absichtlich“ eingesetzt hatte, um ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Leseart beim Leser zu erzeugen. Das war alles mehr oder weniger spekulativ. Also werde ich hier einmal das tun, was ich während dieses einen Semesters niemals durfte: Ich werde sagen, was Literatur für mich ist.

Literatur ist für mich, eine ebenso intellektuelle, wie auch künstlerisch, auf Schönheit abzielende schriftliche Form des menschlichen Schaffens. Es ist, oder sollte sein, eine phantasievolle Reflektion der Realität in der sich die Wirklichkeit wiederfindet in einem gemalten Bild der Subjektivität des Schreibenden. Gemalt meine ich ganz wörtlich, weil der Autor ebenso auf den Inhalt, also die erzählte Geschichte wert legen sollte, wie auch auf die Form, die Art und Weise, wie er eine Geschichte erzählt! Er kann hierbei eine Form wählen, die einem Zeitungsartikel gleicht, bei der Spreche also nur nicht negativ auffällt, indem grammatikalische Fehlstellungen und ähnliches, was den Leser vom Inhalt ablenken könnte, vermieden wird.

Das ist jedoch nicht Literatur im engeren Sinne wie ich sie für mich verstehen möchte! Für mich geht Literatur im besten Fall weit darüber hinaus. Es wird nicht einfach eine fiktive Geschichte aus der Perspektive eines fiktiven Menschen, oder bei der Fabel einer Pflanze oder einem Tier erzählt, nein, es wird mit Worten ein Bild gemalt, das in seiner höchsten Kunstform den Inhalt nebensächlich erscheinen lässt. Es ist dann das Spiel mit Worten in einer meist metaphernreichen Form, das dem Leser alleine beim aufnehmen der Worte in seinen Geist und sein Herz, ein Gefühl der Bereicherung gibt. Ein Roman, der so geschrieben wurde bildet eine fließende Brücke zwischen Prosa und Poesie. Das Werk ist dann gleich eines wunderbaren Waldes. Überall lassen sich Blüten und knorrige Schönheit des Wuchses der Pflanzen bewundern. Es ist nicht so komprimiert, wie in einem Gedicht, welches eher einer Gartenanlage gleicht, in der die schönsten Blumen nach Blütenfarben passend zueinander arrangiert sind. Diese Gartenanlage bietet einem Stunden der ungetrübten Freude und seligen Genießen dieser Pracht. Dennoch ist man immer gewahr, dass dieses Arrangement künstlich erstellt wurde. Durch ein Werk der Prosa hingegen wandelt der Leser neugierig und achtsam, wie durch schönes Waldstück. Die Sätze sind nicht so sorgsam ausgesucht, wie in Gedichten und so läuft man behänder, wie auf weichem, federndem Moos. Dieser leichte Schritt schenkt der Seele langsam und mit jeder Seite mehr Freiheit! Hie und da hält der Leser kurz inne, wenn ein Zustand besonders gelungen bildhaft beschrieben wird, auf einer plötzlich erscheinenden sonnen beschienenen Lichtung, atmet er einmal tief ein und aus und lässt sich von der dargebotenen Schönheit ganz umfangen.

Poesie nehme ich eher wie Musik wahr. Besonders, wie klassische Musik. Poesie ist durch Versmaße bestimmt, die sie aber auch verlassen kann. Da es diese Versmaße aber gibt, wird das Verlassen desselben jedoch an sich schon zu einer Aussage. Für solcherlei Aussagen interessiere ich persönlich mich aber nicht so sehr.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe 
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, 
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille 
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille – 
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

 

ist eines meiner Lieblingsgedichte. Es tauchen Bilder von Franz Marc in mir auf, wenn ich es lese, Musik von Bach.

Es rührt mich noch heute oft zu Tränen.

Und das ist genau das, was Literatur im besten Fall für mich leisten soll. Sie soll ein starkes Gefühl erzeugen, von dem der Kopf vorerst gar nicht weiß, WARUM es da ist. Dann kann man immer mal wieder darüber reflektieren, und je nach Stimmung und persönlicher Reife immer neue Erkenntnisse für sich gewinnen, während die wohl gewählten Worte wie Honig von den Lippen tropfen und die Schönheit einen vor Ehrfurcht erstarren lässt.

Wenn ich noch mal darüber nachdenke, dann denke ich, dass ein gutes Buch, also Literatur ist wie ein Kinofilm. Die Türen schließen sich und der Leser taucht ein in eine andere Welt. In ein Subjekt, das nicht er selbst ist. Ein Leben das ein Anderes ist, in einer anderen Zeit, einem anderen Ort stattfindet. Vielleicht ist es das Leben eines jungen Mädchens, eines Kriegers, Königs, eines Helden. Ich finde es dabei auch immer wesentlich, dass der Romanheld im Laufe der Geschichte eine Reifung erfährt. Seine Persönlichkeit heran wächst indem er die Probleme, die sich ihm, in seinen auf ein erhofftes Ziel ausgelegten Weg, stellen beiseite schafft. Ich möchte gerne sehen, wie diese Arbeit seine Sicht auf die Welt und sich selbst darin verändert. Denn anders, als bei einem Gespräch muss ich mich nicht mühen empathisch zu ergründen, was mein Gegenüber mit dem Gesagten wirklich meint. In einem Buch BIN ich der Protagonist, und automatisch verbinden sich mit dem erlebten die zugehörigen Gefühle. Das kann auch manchmal erschreckend sein. Zum Beispiel, wenn die Erzählperspektive wechselt zwischen einem Heiligen und einem sadistischem Killer. Aber gerade das macht für mich das Erlebnis Lesen aus!

Poesie beschränkt sich wie beim Panther von Rilke häufig auf das Ausmalen eines bestimmten Ist-Zustandes, den man dann besonders intensiv nachempfinden kann. Jedoch nicht nur, wenn ich an Schillers „Bürgschaft“ denke, so kann Poesie durchaus auch eine Geschichte erzählen. Die Ballade scheint hierbei der Schönheit jedoch nicht so sehr verpflichtet zu sein, wie das Gedicht. Die starke und direkte Sprache Schillers kommt in der Ballade aber hervorragend zur Geltung! Eine Spreche, die, wie ich finde sich nicht sooo gut für die Beschreibung eines Moments eignet, ja, sich mehr als darin gefangen darstellt.

So kann man sagen, dass gute Literatur ein Schriftstück ist, bei dem der Autor sich gänzlich selbst gefunden hat (falls so etwas jemals möglich ist) und bei dem der Inhalt mit der Form ansprechend korrespondiert. Wenn das Werk also als Ganzes eine Einheit darstellt.

Abschließend kann ich sagen, dass für mich das Literatur im Idealzustand ist. Die künstlerische Darstellung einer Einheit von Persönlichkeit, perfekter Beherrschung des Handwerks der Sprache und einer interessanten Geschichte.

In der Art, wie Franz Marc seine Blauen Pferde malte. Er skizzierte zuerst bis zur Besinnungslosigkeit Pferdekörper, bis er es beherrschte den Körper mit nur wenigen Strichen erkennbar wiederzugeben. Nun konnte er den Pferden Seele einhauchen, indem er ihnen seine eigenen Stimmungen zueigen machte. Das Resultat ist, wie wir alle wissen, atemberaubend! So muss es auch bei guter Literatur sein. Für mich im Moment das beste Beispiel „Die Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón. Ein Buch, das mir zuerst wie warme Sonnenstrahlen beim Lesen ein Lächeln ins Gesicht zauberte und hernach meinen Geist anregte, zu überlegen, was dieses Lächeln in sich darstellte. Perfekt!

Was ist Literatur für Euch?

Lebensenergie

03. Januar 2012

Sie lag im sprießenden Gras des Wonnemonats Mai, schloss ihre Augen und sog den betörenden Duft der Blüten und den grünen Geruch des jungen Grases ein. Nach diesem Tiefen Atemzug, der auf sie wie eine wunderbare Vorspeise zum Menü des Lebens wirkte, öffnete sie die Augen und bewunderte das sanfte Spiel der Schäfchenwolken, die sich zwischen dünnen, länglichen Wolkengebilden, die sich bald in Dunst auflösten, leicht dahin bewegten. Sie rannte einige Kilometer über die Wiese, wie ein junges Fohlen, das die Kraft des Lebens im Überfluss spürte. Sie fühlte sich nun satt und zufrieden und schwer atmend, da sie diesem Bewegungsdrang in seiner ursprünglichsten Form bereitwillig nachgegeben hatte. Ja, Vorspeisen stachelten den Hunger eben erst richtig an!

Im Frühjahr musste man nicht im Gras liegen um sein anregendes Wesen zu erfahren. Kaum verlies man das Haus, wurde man quasi überwältigt vom ansteckenden Ansturm des Lebens auf die Sinne. Das ging augenscheinlich allen Lebewesen so, denn die Luft war nicht nur von Düften erfüllt, sondern auch von den überbordenden Gesängen der Vögel. Es war ein Crescendo der Lebenslust, das man vor Freude fast trunken werden konnte.

Ja, der Frühling war jedes Jahr immer wieder ein herrliches Fest. Als wöllte jede im Winter vertrocknete und erfrorene Pflanze mit ihrem jetzt sprießenden Grün dem Tod ein dickes „Trotzdem“ entgegenschmettern, jeder Vogel, der überlebt hatte die Welt neu Bevölkern indem er ein Nest baute und einen Partner für die Eiablage fand. Das Leben trotzte dem Tod. Es würde für die nächsten Monate die Oberhand behalten! Dieser Siegestaumel war mit jeder einzelnen Zelle fühlbar. Nur der Mensch konnte sich diesem Diktat der Natur entziehen, wenn er wollte und sich anstrengte. Er konnte Trübsal blasen in diesen Tagen des Lebens, aber er konnte auch im Winter, wenn alles in Agonie zu liegen schien mit der Kraft seines Geistes und seines Herzens den Tod zurück zwingen und das Leben zelebrieren. Er konnte mit den Liebsten unterm Weihnachtsbaum sitzen und Bratäpfel in den Ofen schieben, oder er konnte sich auf etwas besinnen, was seinem Leben auf andere Weise Sinn zu verleihen vermochte. Wenn ihm dies gelang, so konnte er die Energie des Frühlings auch am dunkelsten Wintertag spüren. Er konnte innerlich frohlocken und diese Lebensenergie auf andere Menschen übertragen.

Das war die Macht des Geistes! Er konnte fast unabhängig von den Umständen einen Frühlingstag in sich selbst erzeugen. Es konnte zu einer Art Lebenseinstellung werden. Aber nur mit viel Arbeit! Die Energie, die in einem solchen Menschen floss durfte nicht zu lange unproduktiv nur genossen werden. Man durfte sich nicht zu lange ins Gras des Geistes legen und die Energie nur genießen. Dann wurde sie schal!

Woher sie das wusste?

Nun sie wusste das, weil sie schon einige Male diese Energie gespürt hatte. Die Energie, wenn sie gemeinsam mit einem anderen Menschen an etwas ihr wichtigem arbeitete, wenn sie mit ihrem Partner Liebe machte, oder ganz simpel, wenn sie freudig durch die Gegend sprang, die Lebensenergie also ganz unmittelbar durch sich strömen lies.

Einmal, an einem ungewöhnlich warmen und sonnigen Januartag kannte sie mal wieder kein Halten  mehr und rannte wie ein Kind über die noch dürre Wiese am Rheinufer, während ein Freund und ihr Partner erwachsen hinter ihr herspazierten. Mit glühenden Wangen rannte sie zu ihnen und wieder fort, gleich einem vor Energie strotzendem Hündchen. Da kam der Freund ihr kurz ganz nahe. Sie kannten sich schon seit der Schule und raunte ihr im Spaß zu: „Hier über uns hängt ein Mistelzweig, Du musst mich jetzt küssen“

Sie lachte nur und schüttelte den Kopf um ihre Verwirrung zu verbergen, die sie empfand. Sie wusste, dass es nur Spaß war, ihr eigener Partner stand dabei, aber sie empfand eine unerklärliche Nähe zu diesem Freund. Eine Nähe, die sie damals mit Liebe verwechselte. Doch sie wusste damals ebenfalls, dass dies nur in ihrem Kopf stattfand. Dennoch lies sie dieses Gefühl lange nicht mehr los. Als wäre ein wertvoller Samen auf einen trockenen Boden gefallen und sie dürfte ihn nicht gießen, niemals!

Nun fast 20 Jahre später erkannte sie, was damals vorgefallen war und sie begann den Samen zu gießen, denn sie wusste nun, dass es nichts mit Liebe zu tun gehabt hatte. Es war das erspüren der Lebensenergie. Dafür hatte sie damals nur noch einen Katalysator in Form ihres Freundes gebraucht. Wahrscheinlich, weil Liebe ihre Droge war. Deshalb war es ihr nur möglich den Fluss der Energie des Lebens über einen anderen Menschen zu spüren. Und ja, es ist wahr! Noch heute fühlte sie das Leben am deutlichsten, wenn sie diese Augenblicke mit jemandem teilen konnte. Doch es war keine Liebe zu den Menschen, mit dem sie diese Momente erlebte. Zumindest kein verliebt sein. Es war eher die Liebe zum Leben, zum Gefühl des am Leben seins. Sie spürte dieses Gefühl auch alleine, aber wirklich berauschend wurde es nur in Gegenwart eines Nächsten.

Dennoch schrie ihr Verstand sie geradezu an, dass sie diese behagliche Wärme des Kissens der Gemeinschaft nicht ausnutzen durfte und sich lieber auf den harten, steinigen Weg nach dem Alaska des selbst erarbeiteten machen sollte.

Widerstrebend gab sie diesem Geheiß nach und setzte sich an den Mac zum Schreiben. Schreiben war ein merkwürdiges Ding.

Egal, ob es gut oder schlecht war, was sich ihrem Hirn über ihre Finger entwand, egal, ob sie eine Geschichte bis zum Ende gedacht hatte, ehe sie sich hinsetzte um sie niederzuschreiben, die Geschichte wirkte ihr immer lebendig und hielt sich oftmals nicht an das, was sie sich ausgedacht hatte. Ja, schreiben war auch eine Möglichkeit das Leben zu spüren! Auch wenn der Körper ganz ruhig auf einen Schemel saß war es ihr Geist, der Sprünge machte. Als gäbe es auf der Welt unendlich viele Geschichten, gute und schlechte, die darauf warteten, dass jemand sie niederschrieb. Es war also nicht ihr Leben, das sie spürte. Es war das Leben der Geschichten, die endlich geboren wurden, das sie dabei spürte. Es mochte bei allen Dingen so sein. Es brauchte daher keinen Nächsten, um es in seiner ganzen Fülle zu spüren. Wer etwas Kreatives tat, der war Teil des Universums, weil er Teile davon gebar. Und wenn man dabei angst- und erwartungsfrei war, so konnte man dies auch bestmöglich tun. Das heißt, eine Geschichte, eine Idee konnte das Hirn durchströmen und zu Papier gebracht werden. Übung verfeinerte nur das neuronale Netz des Gehirns, so dass die Geschichte, das Werk in all seinen Nuancen ausgebreitet werden konnte. Sie glaubte, dass der Mensch diese filigrane Ausarbeitung als Schönheit empfand. Und diese Übung, die so wesentlich war, die war manchmal Alaska. Denn wenn man noch gar keine hatte, so wurde eine Geschichte nur Bruchstückhaft sichtbar, und der Schreiber fühlte das Leben der Geschichte nicht. Und so schrieb sie an manchen Tag und fühlte nichts. Die Worte tropften schwer wie Blei aus ihren Fingern und gaben auf dem Display hässliche Flecken, die sich auch nach xfachen Lesen nicht zu einem schöneren Bild formen ließen, als eben diesen Flecken. Durch diese schriftstellerischen Täler musste sie wacker und vor allem diszipliniert schreiten, in dem Wissen, dass jedem Tal auch wieder eine Erhöhung folgt. Es war sicher bei allen künstlerischen Dingen so. Die ersten Striche eines Geigers, sie klangen grässlich. Und das blieb über Jahre im Wesentlichen so. Warum sollte es beim Schreiben anders sein?

Sie beschloss, die schrägen Töne oder fleckigen Bilder, die sie erzeugte mit dem Wohlwollen einer Mutter anzusehen und nicht müde zu werden, immer weiter zu schreiben.

Es war wie beim Laufen, da entzückte sie sich auch leichter am Sprint, anstatt die Arbeit des Konditionsaufbaus zu leisten um sich danach stolz an den Endorphinen eines Marathons zu erfreuen. So hatte sie schon etliche kleine Geschichte geschrieben, aber immer nur, wenn ihr danach war. Nun würde sie diszipliniert jede Woche 3 Seiten schreiben.

Eine Etüde

23. Dezember 2011

Frisches Grün spross aus der fahl-braunen Erde. Der Frühling wogte mit Macht und Freude über das Land. Wie die Gischt des Meeres erschuf er überall, wo sein wärmerer Hauch die Erde berührte kleine Flecken weißer Blüten. Die Schneeglöckchen und Märzenbecher, als erste Blumen des Jahres wagten ihr Köpfchen der langsam spürbar werdenden Sonne des Morgens entgegen zu strecken. Begleitet von den Reviermarkierungsgesängen der Vögel. Nach dem harten Winter dieses Jahr war er Mensch und Tier willkommener Träger von Lebensenergie. Der Morgenhimmel enthüllte in den ersten Sonnenstrahlen ein freundliches Blau.

Es war 8 Uhr. Arbeitsbeginn in der Tagesklinik der Neurologie Stuttgart. Den  grau gestrichenen Räumlichkeiten konnte der beginnende Frühlingstag kaum etwas anhaben. Obwohl der Warteraum der Patienten viele Fenster hatte, waren die Gesichter, der dort um kleine Tische auf grauen Plastikstühlen sitzenden Menschen meist von Furcht und Gram gezeichnet. Einige versteckten sich hinter einer Tageszeitung, andere unterhielten sich. Meist über den Grund ihres Hierseins. So begannen sich um die Tische Grüppchen von an der selben Krankheit leidenden zu bilden.

Der überwiegende Teil der rund 12 Menschen im Raum war wegen einer MS-Behandlung hier. Eine Gruppe älterer Menschen hatten Lupus. Einige, denen man noch keine Behinderung ansah und die noch voll im Leben zu stehen schienen, wenn man ihre häufigen Handy-Telefonate mit anhörte, bei dem es um das Delegieren von Aufgaben ging enthielten sich einer Aussage. Es schien, als wollten sie nicht zu diesem Haufen chronisch Erkrankter gehören.

Ich saß an meinem MS-Tischchen und hatte dafür vollstes Verständnis! Es kam mir oft vor wie das Drehen im kleinsten Kreis. Den Kreis des eigenen Eingeschränkt seins. Die anderen MSler fühlten sich „vom Leben ausgeschlossen“ oder nannten ihre Krankheit den „langsamen Tod“.

Ich kannte diese Gefühle nur zu gut. Häufig haderte ich mit meinem Schicksal. Meine Freunde, von denen ich nicht mehr sehr viele hatte, bekamen Kinder, machten Weltreisen, oder arbeiteten in einem Beruf, der sie erfüllte. Ich hatte nichts davon und kam mir vor wie ein Versager. Seit ich 23 Jahre alt war hatte ich die Diagnose MS. Die Jahre davor waren gekennzeichnet von chronischen Bauchschmerzen, deren Ursache man nie gefunden hatte und die man letztlich auch auf die MS schob. Aber die Gedanken an vergangenes Ungemach war ungefähr so nützlich, wie der Gedanken an die Dinge, die ich wegen meiner Behinderungen nicht mehr tun konnte, oder der Sorge wo das alles wohl enden würde. So sehr ich die Gesellschaft von Menschen schätzte, denen ich nicht zu erklären brauchte, warum ich alle Stunde auf die Toilette musste, oder warum mein Gang so wacklig wie der eines Betrunkenen war, so sehr belastete mich die Konzentration auf die Dinge, die nicht mehr funktionierten, die im Wartesaal vorherrschte. Eine Schwester kam während dieser Überlegungen ins Zimmer und rief meinen Namen auf. Ich musste zur Blutentnahme, Fieber messen und Pulskontrolle. Ich raffte mich auf um den kurzen Weg dort hin anzutreten. Ich liebte die Schwestern und Ärzte hier in der Tagesklinik. Sie waren stets gut gelaunt und unaufdringlich hilfsbereit. Das war eine wahrhaft seltene Kunst, wie ich fand, die ich sonst noch nirgends erleben durfte. Entweder ignorierten die Menschen meine Einschränkungen, oder sie ließen mich gar nichts mehr alleine tun. Ich wusste, dass es an mir war, die Situation zu ändern, aber bislang konnte ich es nicht. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mir möglichst nichts anmerken zu lassen. Frau Schwarz, meine allerliebste Schwester hatte mich gerufen, wie meistens. Ihr sonniges, einfaches Wesen verlangte mir sowohl Respekt, als auch tiefe Dankbarkeit sowie ein Höchstmaß an eigener Disziplin ab. Ich wollte diesem Wesen auf keinen Fall durch eigenes Gejammer Schaden zufügen! Wahrscheinlich war dies ein Großteil des Placebos, den solche Mitarbeiter der Klinik den Patienten schenkten. Ich fand, dass ich es ihr lohnen müsste durch einen mutigen, fröhlichen Optimismus, weil diese wunderbaren Menschen es ja leider nicht monetär entlohnt bekamen!

So ließ ich mir denn mit einem Lächeln in der Armbeuge herumstupfen. Kein Blut wollte fließen. „Die Vene rollt immer weg! Sie mag wohl nicht mehr“ bemerkte Frau Schwarz mit einem heiteren Lachen. „Wir probieren es mal am anderen Arm, ja?“

„Ich roll mich auch gleich weg, wenn das was hilft“ erwiderte ich lächelnd.

Smalltalk war mir leider nicht in die Wiege gelegt worden.

 

Der linke Arm gab tatsächlich noch genügend Blut her und nachdem ich das Fieberthermometer wieder ausgespuckt hatte durfte ich zurück in den Warteraum.

Jedes Mal fand ich dort auch die Muße, die Einstellung zu meiner Krankheit zu überdenken. Ich machte zuerst eine Bestandsaufnahme meines Körperlichen Zustands: Laufstrecke, die ich ohne Stöcke oder Rollator noch gehen konnte, ohne auszuruhen: 200m. Menge des Urins, die ich halten konnte: ca.200ml, Stuhlgang jeden 2. Tag. Das war besser geworden. Letzten Monat hatte ich nur einmal die Woche gekonnt. Sensibilität der Gliedmaßen: Finger an rechter Hand taub. Schreiben sehr schwierig. Linke Hand in Sensibilität und Koordination noch etwas besser. Füße beide leicht taub. Meine Augen schielten seit dem letzten Schub etwas. Das gab sich aber meist schnell wieder. War daher keiner Erwähnung wert.

Manchmal war es mir dennoch, als könnte ich die totale Bettlägrigkeit schon spüren. Ich verdrängte diesen nicht hilfreichen, ja deprimierenden Gedanken schnell wieder. Genau darum ging es ja! Bei jedem Menschen. Das einzig reale war der Augenblick. Das hätte ich der Frau um die 40, die noch wesentlich fitter war, als ich selbst gerne ins Gesicht geschrien, als diese den Spruch mit dem langsamen Tod brachte. Aber wahrscheinlich hätte ich ihr damit nur Ungerecht getan. Ich erinnerte mich noch an Tage, als ich noch fast keine Behinderungen gehabt hatte. Es war die Perspektive. Man sah die Dinge noch mit den Augen eines Gesunden. Wollte es nicht wahr haben. Verglich sich ständig mit Unversehrten. Ich habe aufgehört mich zu vergleichen. Konzentrierte mich auf das, was unter den gegebenen Umständen noch einen echten Unterschied in meinem Leben bewirken konnte, wenn ich es tat. Nach draußen gehen zum Beispiel, ohne Angst mich zu blamieren, indem ich mir in die Hose mache. Mein Leben war genug Einschränkungen unterworfen! Angst mich zu blamieren konnte ich mir schlichtweg nicht leisten! Ein Ziel zu haben, dem ich mich nähern konnte, so lange wie möglich. Nachdem ich nicht mehr Kraft genug hatte komplizierte Gerichte zu kochen war es das Erlernen der Schreibkunst. Ich wollte kein Buch veröffentlichen, das wäre der Fokus auf das falsche Ziel! Ich wollte nur einfach für mich etwas schreiben und damit einmal zu hundert Prozent zufrieden sein. Es schien mir ein guter Vorsatz zu sein. Denn Schreiben würde ich auch noch mit allen möglichen mehr Einschränkungen können. Ich will mich nicht mehr dem Verlust einer lebensspendenden Leidenschaft stellen. Nach meinem letzten größeren Schub, vor ein paar Monaten, da musste ich mich vom Kochen verabschieden. Wie hatte ich es geliebt, die verschiedenen Geschmackswelten kennen zu lernen. Es war, als könnte ich die Welt, die sich mir immer mehr verschloss nun mit meinen Geschmacksknospen erkunden. Es hatte mehrere Monate gebraucht mich vom Verlust dieser Möglichkeit zu erholen. Es war wie die Antriebsfeder, das Licht des Lebens zu verlieren. Und dann war da nur noch das große schwarze Loch und die Trauer. Das Lesen eines wunderschönen Buches eröffnete mir letzten Sommer eine neue Welt der Schönheit und der kreativen Beschäftigung.

Die Disziplin, die das Erlernen eines neuen Gebietes erforderte fiel und fällt mir hier jedoch schwerer. Wahrscheinlich, weil die Erfolgserlebnisse nicht so direkt spürbar und vorführbar waren, wie es beim Kochen gewesen waren.

Das bekräftigte meine Meinung, dass der Blick auf das Ergebnis der Arbeit viele schwerwiegende Tücken hatte.

Vielleicht werde ich das Geschriebene hier auch in mein Blog schreiben. Vielleicht hilft es anderen, die in einer schweren Situation stecken selbst durch eine Einstellungsänderung zur Lösung eines inneren gordischen Knotens zu kommen. Denn ich weiß aus Erfahrung, dass jeder von uns sein Päckchen zu tragen hat und ich will mich nicht mehr verstecken!

Solche Gedanken verfolgten mich, und so war es denn an der Zeit für die Infusion des Medikaments.

Dieses half mir, eine harte Krankheitsphase zu überwinden. Diese Hilfe wird mir hier einfach zuteil! Was für ein Glück. Es scheint wirklich so, dass der Tod nur in jedem von uns ist. Nicht in diesem Raum! Ich kann mich selbst entscheiden, entweder mein Leben als jammerndes Häufchen zu beende, was wahrscheinlich schneller geht, oder mein Augenmerk auf die Dinge zu lenken, die ich tun kann. Die sinnvollen Dinge, die in meinem Leben einen Unterschied machen. Nicht nur Steve Jobs kann sein Leben bis zum letzten Tag leben, weil er schon so viel geleistet hat. Nein, auch ich, der ich noch nie etwas vollbracht habe kann beginnen mein Leben zu leben, in jeder Situation. Dafür ist es nie zu spät. Niemals! Auch wenn ich kein Apple-Chef mehr werde!